© Dr. Hj. Biener
Felsberg 183 kHz

 Während andere Sender in Deutschland ihre Geburtstage recht lautstark feiern, dürfte der 50. Geburtstag von Europe 1 am 1. Januar 2005 eher unbemerkt verlaufen. Der älteste noch bestehende Privatsender Deutschlands sendet nämlich ein Unterhaltungs- und Informationsprogramm für Frankreich.

Europe 1 begann zu einer Zeit, als in Deutschland an kommerziellen Privatfunk nicht zu denken war, was mit dem Sonderstatus des Saarlands in der Nachkriegszeit zusammenhängt. Das Saarland war nach dem Zweiten Weltkrieg ein wirtschaftlich an Frankreich angegliedertes autonomes Gebiet. In jenen Jahren war der Rundfunk in Frankreich staatlich und werbefrei, aber der französische Staat sicherte sich über Beteiligungsgesellschaften auch kommerzielle Interessen im Rundfunk. In der Regel sendeten die Peripheriesender auf Langwelle, weil damit ein großer Teil Frankreichs mit einem einzigen Sender erreicht werden konnte. Zu den werbefinanzierten Langwellenprogrammen in Richtung Frankreich gehörte neben Radio Luxemburg und Radio Monte Carlo ab 1955 auch Europe 1.

Das saarländische Rundfunkgesetz von 1952 erlaubte allein dem Staat, im Saarland Sendeanlagen zu errichten und zu betreiben. Da der Aufbau eines Fernsehprogramms aus den Rundfunkgebühren nicht finanzierbar gewesen wäre, griff Frédéric Billmann zum  ungewöhnlichen Mittel der privaten Finanzierung. Vor dem Krieg bei Radio Strasbourg und während des Krieges bei Radio France in Algier tätig, hatte er seit Kriegsende die Geschichte des Rundfunks an der Saar mitbestimmt. In einer Paketlösung bekamen die Europe-1-Hauptaktionäre Prinz Rainier von Monaco und der staatenlose Charles Michelson die Genehmigung zum Bau eines Langwellensenders für Frankreich und mussten täglich ein kostenloses Fernsehprogramm von drei Stunden Dauer liefern.

Die Sendeanlage von Europe I wurde am Felsberg (06°40'43'' O, 49°16'56'' N) errichtet, etwa 8 km südwestlich von Saarlouis nur einige hundert Meter von der französischen Grenze entfernt. Wer auf der Autobahn A 620 Saarbrücken-Luxemburg fährt, sieht die Antennenanlage sehr schön auf der Höhe stehen. Die Zufahrt erfolgt ab Saarlouis über die B269 zur Ortschaft Felsberg. Kurz nach Felsberg zweigt die B405 ab und nach 2 km führt die Kreisstraße nach Berus und Altvorweiler direkt durch die Sendeanlage an Mast 3 vorbei. Am Eingang der Sendeanlage gibt es sogar eine Bushaltestelle Europasender. Die wegen ihrer Architektur heute unter Denkmalschutz stehende Sendehalle wurde 1952-1954 erbaut und besteht aus einer freitragenden Spannbetonhalle mit geschwungenem Dach und verglasten Außenflächen. Schon zu Beginn der Sendungen gehörte die Sendeanlage mit zwei gekoppelten 200-kW-Sendern und einer Drei-Mast-Anlage zu den großen Anlagen in Europa, schrittweise wurde sie zur größten Antennenanlage für einen einzigen Rundfunksender in Europa ausgebaut.

Der Sendebeginn am 1. Januar 1955 führte zu Protesten anderer Langwellensender, so dass man am 23. Januar die Sendungen erst einmal wieder einstellen musste. Am 1. April 1955 nahm die Station dann den Betrieb auf 182 kHz wieder auf. Schon bald traten Interferenzen mit dem Sender Oranienburg in der DDR auf 185 kHz auf. Nach Testsendungen im Juli 1958 sendete der Deutschlandsender ab 1959 mit 500 kW und ab 1962 mit 750 kW. Die Frequenznachbarschaft wurde zum Problem, dem man mit drei Strategien zu Leibe rückte. Ausweichen: Von 1970 bis 1978 sendete Europe 1 auf 180 kHz. Ausbauen: 1976 wurden schließlich mit zwei gekoppelten Megawatt-Sendern 2000 kW erreicht. Umbauen: Die Hauptantenne besteht heute aus vier Türmen zu 270, 276, 280 und 282 m, die nierenförmig Richtung Südwesten (220°) strahlen und eine scharfe Ausblendung Richtung Deutschland haben. Über die Antenne wird in Richtung 220 Grad eine Strahlungsleistung von etwa 3500 kW erreicht und somit fast ganz Frankreich mit einer ausreichend hohen Feldstärke versorgt. Südöstlich der Hauptantenne stehen zwei kleinere abgespannte Gittermasten. Die Reserveantenne wird immer dann benutzt, wenn an der Hauptantenne Arbeiten im Bereich zu hoher Feldstärken durchgeführt werden müssten. Normale Arbeiten werden aber bei Sendebetrieb ausgeführt.

Nach langen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland einigten sich beide Staaten auf ein europäisches Statut für das Saarland, das aber in einer Volksabstimmung vom 23. Oktober 1955 abgelehnt wurde. Mit dem Luxemburger Vertrag vom 27. Oktober 1956 wurde die Rückgliederung des Saarlandes an Deutschland vereinbart. Das machte schließlich auch eine neue Rechtsgrundlage für Europe 1 nötig. Um die Einnahmen aus der Konzessionsabgabe von Europe 1 auf eine dauerhafte neue Rechtsgrundlage zu stellen und diese Einnahmen auch erhöhen zu können, wurde am 2. Dezember 1964 vom Landtag ein neues Rundfunkgesetz für das Saarland verabschiedet. Am 7. Juni 1967 wurde mit einem weiteren Gesetz die Möglichkeit geschaffen, im Saarland einen Privatsender in deutscher Sprache zu betreiben, was dem ständig von Auflösungsforderungen bedrohten Sender erstmals höhere Finanzausgleichszahlungen verschaffte. Frédéric Billmann wurde 1967 Gründer der ersten privaten Rundfunkgesellschaft auf deutschem Boden, Europäische Rundfunk- und Fernseh AG, die bis heute als Trägergesellschaft von Europe 1 fungiert. Außerdem beteiligte sich im Saarland an Radio Salü (1989-) und plante ein Programm für die Langwelle 261 kHz.

Von den vier Besatzungszonen Deutschlands hatte keine auf der Kopenhagener Wellenkonferenz von 1948 eine Langwelle erhalten, so dass der Status erst 1975 auf der Genfer Wellenkonferenz durchverhandelt und legalisiert wurde. Nach Inkrafttreten des Genfer Wellenplanes 1978 wurde zunächst auf die zugelassene Nominalfrequenz von 182 kHz gewechselt. Wegen der Interferenzen mit dem Sender Zehlendorf-Oranienburg (Stimme der DDR) änderten beide Stationen aber am 15. Dezember 1980 ihre Frequenz um jeweils 3 kHz: Zehlendorf-Oranienburg auf 179 kHz und Europe 1 auf 185 kHz. Mittlerweile lautet die Kombination 177 und 183 kHz, und ist die Langwelle vielleicht nicht mehr ganz so wichtig. Nach der Öffnung Frankreichs für den Privatfunk etablierte die Station auch UKW-Sendenetze für Europe 1 und ein zweites Programm Europe 2. Gelegentlich erreicht Europe 1 auch eine Hörerschaft außerhalb Europas. Die Station ist neben France Inter die jenseits des Atlantiks am häufigsten hörbare europäische Langwellenstation.

In Deutschland klingt das Programm ärgerlich verzerrt, was an der extremen Richtstrahlung der Sendeanlage liegt. Richtstrahler sind schmalbandige Antennen, auf den tiefen Langwellen sogar schmalbandiger als die Kanalbandbreite von 9 kHz. Das bedeutet für die gewünschte Senderichtung eine Anhebung der Trägerfrequenz und der unteren Modulationsfrequenzen, die höheren Modulationsfrequenzen werden benachteiligt. Abseits der Senderichtung, also im größten Teil Deutschlands ist die Trägerfrequenz abgeschwächt, die höheren Modulationsfrequenzen kommen überbetont an. Durch die Trägerabsenkung am Empfangsort ergibt sich dann der Effekt wie bei einer Übermodulation des Senders: Die Wiedergabe ist verzerrt. Ein Synchrondemodulator hilft dem ab. Ähnliche Verzerrungen kann man auch bei anderen Langwellensendern, die Richtstrahler benutzen müssen, beobachten, in Zentralfrankreich klingt das Signal aus Saarlouis dagegen optimal.
 
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