Jenseits mal gar nicht todtraurig


"Wolfsmehl" liest am Decker-Gymnasium "Aus dem Tagebuch eines deutschen Toten"




Am Vormittag vermittelte der Autor den Jahrgangsstufen 10 und 11 einen Eindruck von seinem ironisch-humorvollen Werk.

Bild: rpe






Amberg (rpe). In einer Vormittags- und einer Abendlesung bot der Schriftsteller "Wolfsmehl" zum Abschluss des "Bücherfrühlings 2002" am Dr.-Johanna-Decker-Gymasium dem interessierten Publikum Auszüge aus seinem vierbändigen satirischen Roman "Wolfsmehl - Aus dem Tagebuch eines deutschen Toten".

In vier Jahreszeiten und 365 Tagebuchkapiteln erzählt die Titelfigur die phantastisch-skurrilen Erlebnisse im gar nicht todtraurigen Jenseits, nachdem sie, von der Verwandtschaft ermordet und vom Jüngsten Gericht mit einem Scheintoten verwechselt, eine auf ein Jahr beschränkte Aufenthaltsgenehmigung im Totenreich erhält. Und so erhalten die Zuhörer einen Einblick in die perfekt durchorganisierte himmlische Bürokratie, das Mit- und Gegeneinander am Totenstammtisch und das Leben in Himmel, Hölle und Fegfeuer. Die verschiedensten großen und kleinen Prominenten der Weltgeschichte treten in Erscheinung: Beispielsweise der heilige Franz Xaver, der mit Hilfe von Weißwürsten, süßem Senf und Weißbier (alternativ: gegrilltem Wildschwein) in Afrika und Asien die Einheimischen zur heiligen katholischen Kirche führt, oder Alfred Nobel, der alljährlich bei der Verleihung des Nobel-Preises an einen Wirtschaftswissenschaftler völlig außer sich gerät vor Wut (denn dieser Preis war von Nobel nicht vorgesehen und wurde erst 1968 von der Schwedischen Reichsbank dazugestiftet); so packt Alfred also zu diesem Termin die Ingredienzien fürs Dynamit zusammen und reist in die Hölle - denn Sprengen ist im Himmel verboten - und reagiert sich bei einer Explosionsorgie ab.

Viele der eigenwillig formulierten und erfrischend fabulierten Passagen wirkten durch ihre Parallelen zu dem uns vertrauten Erdenleben so eindringlich, dass die Zuhörer kaum anders konnten, als auf das Gehörte zu reagieren - mit gespannter Aufmerksamkeit, amüsiertem Schmunzeln, immer wieder auch mit lautem Gelächter.

Variationsreich und originell musikalisch umrahmt wurden die von Wolfsmehl vorgetragenen Kapitel von Wolfgang Marges auf verschiedenen, zum Teil selbstgebauten Instrumenten. So wie der Schriftsteller mit seinen überraschenden Wendungen und seinen ironischen Querverweisen vom Jenseits zum Diesseits die Zuhörer in seinen Bann zog, vermochte auch der Musiker das Publikum zu fesseln: Wie er die Klappen seiner Querflöte als Percussionsinstrumente benutzte, wie er mit hartem Ansatz pochende Töne erzeugen, dann aber wieder schmelzend zarte Tonlinien zaubern konnte, darin zeigte sich seine wahre künstlerische Qualität. Die skurrile Form mancher seiner Instrumente - ob es nun die selbstgebaute Flöte in Form eines Fisches war oder das Glockenspiel aus verschieden langen Heizungsrohren - trat dadurch in den Hintergrund, denn er ging damit ebenso meisterlich um wie mit der herkömmlichen Querflöte.

Zum Abschluss beantwortete "Wolfsmehl" (alias Michael Kumeth, der in der Nähe von Schwandorf lebt) die Fragen der Schülerinnen und des abendlichen Hörerkreises zur Entstehung seines Werkes und zu seinem Schreiben allgemein.






Amberger Zeitung vom 24. Mai 2002