Die Geschichten finden, nicht erfinden



Schriftsteller Harald Grill liest in Decker-Schulen - Vorbereitungen für spannendes Reise-Tagebuch


Amberg (rpe). Mit zwei Lesungen des Schriftstellers Harald Grill startete an den Dr.-Johanna-Decker-Schulen der diesjährige "Bücherfrühling", der heuer zum sechsten Mal stattfindet. Eine Reihe von Klassen und Kursen beteiligt sich an verschiedenen Aktionen, bei denen rund um den „Welttag des Buches“ die Schülerinnen sich im Unterricht, bei Autorenlesungen und Unterrichtsgängen in die „Amberger Bücherwelt“ intensiv mit Büchern und Literatur auseinandersetzen.

Die Schülerinnen der 7. Jahrgangsstufen waren zuerst eingeladen, einmal einen Autor "live" zu erleben. In meist freier Rede fesselte Harald Grill seine Zuhörer mit mehreren Kapiteln seiner Erzählung "Da kräht kein Hahn nach dir", die von Bernd handelt, der vom Dorf in die große Stadt zieht und zuerst gar nicht weiß, ob er traurig sein oder sich darüber freuen soll.

In unterschiedlichen Rollen ließ der Autor das Geschehen lebendig werden und erzählte von der Entstehungsgeschichte und den autobiographischen Hintergründen zu diesem Buch.

Die Wurzeln seiner Literatur im eigenen Erleben wurden auch deutlich bei der zweiten Lesung vor Schülerinnen der Oberstufe. Grill wählte dafür zwei Kapitel aus seinem Roman "Hochzeit im Dunkeln" aus, der lebendig und spannend geschriebenen Geschichte vom Kennenlernen seiner Eltern nach Kriegsende in Niederbayern.

Gleichzeitig wurde den Schülerinnen bei beiden Lesungen die Möglichkeit geboten, auf unterhaltsame Weise etwas über die Arbeitsweise und das Leben des freien Schriftstellers Harald Grill zu erfahren. Bücher faszinierten den Autor seit der 4. Klasse, auch wenn nur drei Bücher zu Hause maßgeblich und prägend waren: das „Lob Gottes“, das Kochbuch der Mutter und der Quelle-Katalog. Doch als er in der 4. Klasse erfahren musste, dass kein Bedarf mehr an Indianerhäuptlingen bestehe, widmete er sich voll dem neuen Berufsziel, Schriftsteller zu werden. So kamen alle möglichen Bücher deutscher Dichter und Schriftsteller hinzu und auch von Autoren anderer Literaturen, wie von A. Rimbaud oder J. Joyce.

Das erste Buch Grills wurde siebzigmal von Verlagen abgelehnt. Inzwischen hat es Grill leichter, obwohl es immer wieder ein schwieriges Unterfangen ist, einen Verlag für eine Erzählung oder einen Gedichtband zu finden. Derzeit laufen die Vorbereitungen für die Veröffentlichung seines Reise-Tagebuch, das auf über 1000 Seiten sein Projekt "Zweimal heimgehen" dokumentiert: Zwei Spaziergänge, einmal vom Nordkap und danach von Syrakus führten ihn in den Jahren 2000 und 2001 zurück in seine Heimat nach Regensburg.

Einen Einblick gibt Grill auch in den langwierigen Denk- und Schreibprozess, der vom ersten Stichwortzettel, den Kärtchen im Schuhkarton und später an der Wäscheleine bis zum Erzählen und späteren Schreiben der Geschichte reicht. Einer eigenen Dramaturgie folgend, wird dabei der Erzählfaden nochmals neu gesponnen, authentische Ereignisse umgestellt oder auch verändert. Woher er die Inspiration zu seinen Büchern habe, will eine Schülerin wissen. „Immer aus der Realität“, weiß Grill - er erfinde keine Geschichten, sondern finde sie auf. Dazu gehört auch, dass er, wie bei „Hochzeit im Dunkeln“, ausführlich recherchiert in Zeitungsarchiven, bei Verwandten und Bekannten – und dann kann es schon auch sein, dass sich allein 30 Stunden Tonbandmaterial von den Gesprächen mit seinem Onkel aus Schlesien ansammeln.




Amberger Zeitung, 14. Mai 2005


Bild: djd