Amberger Nachrichten v. 20.04.2002


Schifffahrt löste sogar einen Überfall aus

1504 überrannten die Amberger Schmidmühlen / 80 Fuß lange Schiffe befuhren die Vils

Wenn man heutzutage die Vils betrachtet, kann man sich kaum vorstellen, dass dieser kleine Fluss einmal eine der wichtigsten Verkehrsstraßen unserer Region war. Gerade im Ortsbereich von Schmidmühlen, wo die Vils begradigt und der Ort mit einem Damm gegen die Fluten gesichert wurde, ist die Wassertiefe sehr gering. Wer glaubt, dass die Vils früher mehr Wasser geführt hätte als heute, irrt sich. Geändert hat sich allerdings der Wasserstand.

2,5 bis 3 Kubikmeter führte und führt die Vils in der Sekunde unter normalen Verhältnissen bei Amberg. Das Gefälle ist gering und noch immer verlängern Schleifen und Kurven den Flusslauf. Zur Zeit, als auf der Vils noch Schiffe fuhren, zog die Vils noch viel gewundener dahin. Ihr Gefälle war somit noch geringer, bei gleicher Wasserführung aber hatte sie einen höheren Wasserstand.

Somit bot die Vils für die Schifffahrt früherer Jahrhunderte günstige Voraussetzungen. Der genaue Zeitpunkt des Beginns der Vilsschifffahrt ist nicht bekannt. Tatsache ist aber, dass Floß und Einbaum .wesentlich ältere Verkehrsmittel sind als Karren und Wagen. Diese hatten die von Menschen geschaffenen Wege zur Voraussetzung, während die Verkehrswege der Wasserfahrzeuge naturgegeben waren.

Eng verbunden mit der Vilsschifffahrt ist mit Sicherheit die Gründung und die Entwicklung Schmidmühlens. Der Ort Schmidmühlen wurde erstmals urkundlich um das Jahr 1010 genannt. Das Land um Schmidmühlen war um das Jahr 1000 in Besitz der Marktgrafschaft Hohenburg. Die Landgrafenwitwe Philifrieda vermachte- was damals weit verbreitete Sitte war- die Besitztümer zum Seelenheil ihres Mannes an das Kloster St. Emmeram Es wird berichtet, dass dem Kloster eine Ladestätte (Anlegestätte für Schiffe) am Fluss „vilsiagesmidimulni" geschenkt wurde.

An dieser Anlegestelle befanden sich sicher auch Häuser. Noch heute beurkunden stattliche Bürgerhäuser und alte Speicher im Markt Schmidmühlen die instige Handelsbedeutung an der Mündung der Lauterach in die Vils. Zum Wohlstand dieses schmucken Ortet hat die Schifffahrt wesentlich beigetragen. Der Handel auf der Vils war bis ins 19. Jahrhundert sehr rege und umfangreich. An Frachten wurde insbesondere Erz, Eisen und Salz, Getreide, Honig, Wein und auch Stückgüter transportiert.

Auch Personen befördert

Flussabwarts betrieb man Personenverkehr. Vom Frühjahr bis zum Einbruch des Winters verkehrten Schiffszuge zwischen Amberg und Regensburg. Die Vilsschiffer kamen mitunter auf der Donau mit ihren Schiffen bis Ulm und auch nach Wien und Budapest. Schmidmühlen hatte schon seit frühester Zeit eine eigene Ladestätte und eigene Schiffe, davon hier aus durch den Zusammenfluss der wasserreichen Lauterach mit der Vils größere Schiffe verwendet werden konnten.

Die Schiffsgröße wird folgender maßen beschrieben: Länge 80 Schuh, Breite 11 Schuh und Tiefe 3,5 Schuh (auch 3 bis 6 Zoll). Dies entspricht den heutigen Maßen von einer Länge von 24 Metern, einer Breite von 3,30 Metern und einer Tiefe von 1,05 Meter. An beiden Enden lief es spitz zu. Für so ein Schiff hat man 10 Kubikmeter Holz verarbeitet. Die Baukosten eines Schiffes betrugen im Jahre 1821 rund 341 Gulden. Eigentümer der Schiffe waren bis 1614 die Schiffsmeister,  von 1614 bis 1757 die Stadt Amberg bzw. der Markt Schmidmühlen und danach der bayerisches Staat.

Die Ladekapazitätumfasste 112 Fässer, zu je 160 Pfund Salz, bei guterm Wasserstand konnten 120 Fässer geladen werden. Mehr als 50 Zentimeter Tiefgang wird man mit Sicherheit vermieden haben. Anders als bei den größeren Flüssen hat man auf Untiefen und Furten Rücksicht nehmen müssen.

12 Stunden nach Regensburg

Die Schifffahrt war eine für damalige Verhältnisse doch recht koste, zeit und personalgünstige Angelegenheit. Sechs Schiffsleute reichten aus, um eine Fracht von 400 Zentnern nach Regensburg innerhalb von nur 12 Stunden zu bringen. Für die gleiche Menge hätte man mit Gespannen angesichts der miserablen Straßen und Wege mindestens zwei Tage benötigt.

Weniger günstig war die Bergfahrt. Die Schiffe hatten dabei höchstens 240 Zentner Salz geladen. Vier Tage war man bei den Fahrten flussaufwärts unterwegs, während die Fuhrwerke die Rückfahrt in zwei Tagen schafften. Die Schiffe fuhren flussaufwärts (Afferfahrt) im Schiffzug mit je vier Schiffen, die von 12 bis 16 Pferden gezogen wurden. An Personal waren für die Affenfahrten außer den Reitern ein Schiffsmeister, der Kondukteur und 36 Mann erforderlich.

Ganz ungefährlich war die Vilsschifffahrt nicht. So gerieten im I5. und 16. Jahrhundert immer wieder Vilsschiffe in Seenot. So wird berichtet, dass zur Zeit Herzogs Alprecht 

(um 1480) der Schiffsmeister Jakob „ein Schiff mit Eisen bei Ebenwiesen versenkt, ein Schiff bei Dietldorf, ein Schiff mit Getreide bei Heitzenhofen und ein Schiff mit Salz,. bei Schmidmühlen".

1757 gründete die kurbayerische Regierung ein Salzamt in Amberg. Sie entzog der Stadt Amberg und such dem Markt Schmidmühlen des Monopol und zwang die gesamte Schiffahrt unter staatliche Aufsicht.

Von jetzt an liefen Züge mit fünf Schiffen unser Bedienung von 45 Mann und 20 Zugpferden. Du Schmidmühlner Schiff lief immer einzeln, die Amberger Schiffe aber immer im Viererzug. Ab 1763 gesellte sich das Schmidmühlner Schiff zu einem Fünferzug hinzu, weil der Markt Schmidmühlen durch das Kurfürstentum Bayern die Schifffahrtsberechtigung erhalten halte. Die Ladung des Schmidmühlner Schiffes bestand aus Erzeugnissen des Hinterlandes, aber auch aus Amberger Erz, Salz undnachdem der Markt 1532 ein eigenes Lagerhaus für Kaufmannsgüter errichtet haltesogar aus Nürnberger Pfennigwaren, Stockfischen und Fasswaren.

Sechs Mann Besatzung

Zu jedem Schiff gehörten sechs Mann Besatzung flussaufwärts noch dazu vier Zugpferde mit einem Reiter sowie einem Vorder- und Hinter Rösler. Der Schiffsmeister war der Leiter des Schiffszuges. Er war für die reibungslose Durchführung des Gesamtverkehrs verantwortlich. Seine Befehlsgewalt erstreckte sich, mit Ausnahme des ,,Konduktörs", über die ganze Schiffsbedienung. Der Kondukteur regelte Ein- und Verkauf, kassierte die Frachten, vollzog die Auszahlung an die Pferdebesitzer und gab Sonderzuweisungen an die Mühl und Werkbesitzer, worüber er für das Salzamt Buch zu führen hatte. 

Leiter jedes einzelnen Schiffes war der Seeßhalter. Sein Platz auf dem Schiff war auf dem Kranz in der Nähe der Sterzstange. Er dirigierte die Bemannung des Schiffes und die dazugehörigen Pferdeknechte. Hinter ihm befand sich der Vorderpartitur oder Seilträger, der das „Geben und Ziehen", das heißt das Verlängern und Verkürzen des Zugseiles, auszuführen hatte. Sein Gehilfe, der auch zum Schieben des Schiffes eingesetzt werden konnte, hieß Drittelmann. Auf dem Hinterteil des Schiffes betätigte sich der Kehre, oder Steuerer. Sein Gehilfe war der Hinterpanitzer oder Nebensteuerer. Der sogenannte Wachmann konnte zu jeder anfallenden Hilfeleistung herangezogen werden. Der Reiter wurde in der Regel vom Stallbesitzer gestellt. 

In den Heimathäfen Schmidmühlen und Amberg überwinterten die Schiefe, da im Winter der Schiffsbetrieb eingestellt wurde. Die Schifffahrt auf der Vils wer auch gleichzeitig Ursache der meint sehr gespannten Beziehungen zu Amberg und Schmidmühlen. Immer wieder kam es zu großen Streitigkeiten. So klagten die Amberger im späten 14. Jahrhundert, dass „die von Schmidmühlen den Gästen Zentnergut" auf ihre Schiffe zuladen lassen, was den, Salzherren großer Schaden" wäre. Ärgerlich war für die Amberger auch, dass die Nürnberger die Ladestätte an der Lauterach zehr häufig aufsuchten und dort und eben nicht in Amberg ihre Waren lagerten bzw. Salz und Wein abholten.

85 Gefangene gemacht

Am Peter und Paulstag 1504 überfielen die Amberger mit gewaltiger Obermacht den Marktflecken und eroberten Schmidmühlen. 85 Gefangene, 150 Wagen voll Beutegut und natürlich auch das Schiff ihrer „Kriegsgegner brachten sie in die kurpfälzische Hauptstadt zurück. Man hatte also. die „feindliche Flotte“ aus Schmidmühlen ausgeschaltet. Trotzdem verzichteten die Schmidmühlner nicht auf die Schifffahrt. 1553 luden die Hämmer Ettmannsdorf, Vilswörth, Hohenburg Rosenberg und Lauf ihre Erzeugnisse auf das Marktschiff. Die Unstimmigkeiten zwischen Amberg und Schmidmühlen nahmen kein Ende, solange beide Orte Schifffahrt betrieben. Amberg konnte die angestrebte Monopolstellung nie erringen. Und Schmidmühlen, das ja damals im Ausland lag und sich auf den Schutz der Münchner Herzöge und später der Neuburger verlassen konnte, behauptete seine Schifffahrtsrechte. Die Schifffahrt auf der Vils endete im Jahr 1826.


 

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