Buntes Bollwerk gegen nationale Rhetorik

Schreibt der Kölner Stadt-Anzeiger vom 04.03.2016

In der Tat, Europas Kulturhauptstadt Breslau gibt sich seit langem offen und prowestlich und steht damit offen zum nationalen Kurs der Regierung in Warschau.

Der mächtige Dom auf der Dominsel

Vielleicht ist es ein Streich der Geschichte, dass just in diesen turbulenten Zeiten, in denen sich Europa derzeit aufgrund der Flüchtlingsströme befindet, gerade das polnische Wroclaw diesjährige Kultur-Kapitale des Kontinents ist. Mit seinen derzeit zirka 640.000 Einwohnern, die viertgrößte Stadt Polens kann wohl keine andere Stadt Europas von sich behaupten, dass sich die nationale Zusammensetzung ihrer Einwohnerschaft innerhalb kürzester Zeit nahezu zu 100 Prozent verändert hat – aufgrund von Flucht, Vertreibung, Heimatverlust. Davon konnten nach 1945 jahrzehntelang sowohl die alten deutschen Breslauer, als auch die neuen polnischen „Wroclawiacy“, die meist aus ehemals polnischen Ostgebieten stammten, viel berichten. Ihre Erzählungen waren getränkt von Leid, Hass, Nostalgie.

Gut 70 Jahre nach dem Tod Breslaus und der Geburt Wroclaws trauen sich die Stadtverantwortlichen inzwischen, vom „Erbe der Multikulturalität“ Wroclaws zu sprechen. Das müssen sie derzeit gegen den herrschenden nationalen Zeitgeist tun, der sich seit dem Regierungswechsel vor knapp drei Monaten von Warschau kommend ausbreitet.

So wartete Breslau im Kulturjahr nicht nur mit polnischem Personal auf: „Am 17. Januar um 16 Uhr wird Wroclaw explodieren“, kündigte Charles Baldwin an. Der britische Regisseur, Kurator für den Themenbereich Performance, leitet auf dem Marktplatz den finalen Höhepunkt des Eröffnungswochenendes unter dem Titel „Erwachen“. Mehr als 100 Veranstaltungen waren es allein an diesen ersten drei Tagen.

Nicht nur Auftakt esr von der Fülle der Veranstaltungen her imposant. Bis zum Endes des Jahres sollen rund 1000 einzelne Events ein breites Publikum ansprechen, Stadtpräsident Rafal Dutkiewicz hofft in diesem Jahr auf sechs Millionen Besucher. Mitunter werden in dem bunten Programm thematische Brücken geschlagen zum spanischen San Sebastian, das parallel Kulturhauptstadt ist.

Theater-Olympiade im Herbst

An Höhepunkten mangelt es in Breslau nicht. Acht thematische Kuratoren für Musik, über Theater und Film bis hin zu Architektur und Literatur zeichnen für ihre Bereiche verantwortlich. Die Macher setzen vor allem auf Internationalität: Das Spielfilmfestival „Welt ohne Freiheit“ etwa zeigt Werke über Länder, die im 20. Jahrhundert unter Diktaturen litten. Musikalisch will der italienische Komponist Ennio Morricone der Stadt im Februar „eine Überraschung anbieten“. Und bei einer Theater-Olympiade im Herbst werden Theatergrößen wie Robert Wilson neue Werke präsentieren.

Aus Sicht der Stadt soll das Kulturjahr indes nicht nur kurzzeitig begeistern, sondern auch längerfristig Früchte tragen. „Die Europäische Kulturhauptstadt 2016 ist ein Prozess, kein Projekt und kein Ereignis. Und sicher auch kein Event“, schreibt Irek Gren, als Kurator für das Thema Literatur zuständig. So werden etwa beim Thema Bücher Workshops und Foren für Kinder und Erwachsene angeboten, mit dem Programm Bibliopolis soll der öffentliche Raum für das gedruckte Wort zurückerobert oder deutsche und polnische Rezepte zu einem „schlesischen Kochbuch“ verschmolzen werden. Und weil Breslau in diesem Jahr zugleich auch Welt-Buch-Stadt der Unesco ist, wird im Rahmen eines Wettbewerbs für Komponisten eine Welthymne des Buches entstehen und an einem Tag in verschiedenen Städten der Welt gesungen werden.

Leider findet sich das "Schlesische Himmelreich", das berühmte Essen der Schlesier nicht mehr auf den Speisekarten der Restaurants (0der habe ich es übersehen...?). Wer es genießen will, sollte unbedingt im schlesisch- sächsischen Görlitz im Gasthof  "Zum Flyn" Halt machen und es kosten.

Den Titel Kulturhauptstadt Europas vergibt die Europäische Union seit 1985. Bisher trugen ihn drei deutsche Städte: Berlin (West) 1988, Weimar 1999 und Essen 2010. Seit 2001 wird der Titel an jeweils zwei Städte vergeben – in diesem Jahr an das spanische San Sebastian und das polnische Wroclaw (Breslau).

 

 

 

 

Kirchen über Kirchen, rechts Hotel für Papst Johannes Paul auf der Dominsel

Ausstellung im Museum der Moderne

Denn Breslaus tausendjährige Geschichte, von polnischen, böhmischen und seit dem 18. Jahrhundert bis 1945 von preußisch-deutschen Einflüssen geprägt, ist nicht nur architektonisch widerspruchsvoll. Die Deutschen, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs fast die komplette Einwohnerschaft stellten, kamen ums Leben, flohen oder wurden vertrieben. Doch die neu hinzugezogenen Einwohner, die meist aus den für Polen verlorenen Ostgebieten, der heutigen Ukraine, hierherkamen, waren zunächst nicht sicher, ob die bis zum 6. Mai 1945 verteidigte „Festung Breslau“ nun dauerhaft Wroclaw heißen würde. Eine Ausstellung im Museum der Moderne thematisiert bis zum Februar in der Schau „Die Deutschen sind nicht gekommen“ die Ängste jener Zeit.

Heute gilt Breslau weithin nicht nur als wirtschaftliche Boom-Stadt, sie ist, neben Warschau und Krakow (Krakau), mit ihren über 100.000 Studierenden auch eines der wichtigsten Bildungs- und Forschungszentren Polens. Bereits vor dem Zuschlag als Kulturhauptstadt hatte sie eine rege Kulturszene, die rechte Tendenzen, die von den in der Stadt und Region starken nationalistischen Gruppen ausgehen, deutlich übertönte.

Die Oder, Blick auf den Dom, rechts die Sandinsel

So kann es für Besucher zumal in diesem Jahr spannend werden, wie sich die Kulturereignisse in der historisch multikulturell, heute weitgehend durch ethnische Homogenität geprägten Stadt Breslau vor der sich ausbreitenden nationalen Kulisse der Republik Polen anfühlen werden. Erfahren kann man dies von den Einwohnern, am besten auf Polnisch oder Englisch. Aber auch mit der deutschen Sprache kommt man in Wroclaw heute viel weiter als noch vor nicht allzu langer Zeit.

Informationen zum Kulturhauptstadtjahr gibt es in englischer Sprache auf der Website www.wroclaw2016.pl, außerdem unter www.wroclaw.pl auch auf Deutsch ( oben DE anklicken). Die legendäre Bar Barbara in der Straße ul. Świdnicka 8 wurde 20 Jahre nach ihrer Schließung wiederbelebt und fungiert nun als Kultur- und Informationszentrum Barbara. Dort können sich Besucher über das Programm des Kulturhauptstadtjahres informieren und Gerichte aus regionalen Produkten genießen.

Der berühmte Schweidnitzer Keller im alten historischen Rathaus, ein MUSS, für jeden Besucher der Kulturhauptstadt.

Für Gruppen gilt, unbedingt vorher reservieren.