Prager Neustadt (Nove Mesto)

Karl IV. machte Prag zum Zentrum seines Reiches. Da die Altstadt dem Andrang der Menschen nicht mehr gewachsen war, führte die umsichtige Politik des Kaisers zu einer massiven Erweiterung Prags. Die Prager Neustadt wurde gegründet. Bald bildete sie eine Konkurrenz zur Altstadt, Marktrechte gingen verloren und die ersten Nationalitätenprobleme tauchten auf. Lebte in der Altstadt, geprägt von Handel und reichen Kaufleuten, mehr das Bürgertum, wohnten in der Neustadt die Handwerker, die überwiegend tschechisch sprachen. Ein Grund warum Karl bereits 1367 eine gemeinsame Verwaltung der Prager Alt- und Neustadt beschloss. Gleichzeitig wollte er die Größe seiner Stadt nach außen hin demonstrieren. So manche Mauern, Tore und Brücken wurden abgerissen. Wenn die Besucher Prags heute durch die Straßen der Neustadt gehen, sollten sie wissen, dass der Kaiser von fast 600 Jahren diese in der heutigen Form großzügig anlegen ließ.

Bekannt ist der genaue Gründungstag der Neustadt, es war der 8. März 1348. Zwei Jahre dauerte es, bis sie von Mauern in einer Länge von 3,5 km und vier Toren umschlossen war, die Gesamtfläche belief sich auf 360 Hektar. Die Einteilung erfolgte in zwei Parzellen:den Wenzelsplatz (früher Pferdemarkt) und die obere Neustadt mit dem heutigen Karlsplatz (Karlovo namesti) plus der unteren Neustadt. Diese drei Märkte wurden durch 18- 27 Meter breite Straßen kreuzweise verbunden.

 

Der Wenzelsplatz ( Vaclavske namesti)

Der Wenzelsplatz ist das Herz der Neustadt, dessen Areal  sich  nordostwärts und südwestwärts davon zur Moldau hinzieht. Weitere Plätze der Neustadt sind Karlovo náměstí, Heumarkt (Senovážné náměstí), und Náměstí republiky. Zwei große Boulevards, die Einheimische wie Touristen anlocken sind Národní und Na příkopě, beide trennen die Neustadt von der Altstadt. Markantester Punkt des oberen Wenzelsplatzes ist die Reiterstatue des hl. Wenzel, des wichtigsten Landespatrons und Schutzheiligen Böhmens. Geschaffen wurde das Bronzedenkmals vom bedeutendsten tschechischen Bildhauer, Josef Václav Myslbek, der über dreißig Jahre an dem Denkmal arbeitete und die feierliche Enthüllung im Jahr 1924 nicht mehr erlebte. Neben dem Heiligen Wenzel umfasst das Denkmal auch die Statuen der weiteren böhmischen Landespatrone. Der Schriftzug auf dem Sockel der Wenzelsstatue lautet: „Heiliger Wenzel, Herzog des böhmischen Landes, unser Fürst, bewahre uns und die Zukünftigen." Vor dem Denkmal fanden in entscheidenden Augenblicken der modernen tschechischen Geschichte spontane Versammlungen und Demonstrationen statt.

Der Hauptbahnhof (Wilson-Bahnhof)

Vom  Prager Hauptbahnhof ist in fünf Minuten der Wenzelsplatz erreicht.  Im Jahr 1871 wurde hier der Eisenbahnverkehr nach Süden zwischen Prag und Wien aufgenommen. Das ursprüngliche Neorenaissancegebäude der Bahnhofshalle, die nach Kaiser Franz Joseph I. benannt war, wurde im Jahr 1909 durch einen Jugendstilbau nach den Plänen des Architekten Josef Fanta ersetzt. Der repräsentative Stil des Baus betont durch die anspruchsvolle und umfangreiche Verzierung mit Plastiken den damaligen Zeitgeist des Jugendstils. Im Jahr 1919 wurde der Bahnhof zu Ehren des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, der sich um die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei verdient gemacht hatte, umbenannt. Neben dem Bahnhof befindet sich das Neorenaissancegebäude der Staatsoper, entstand in den Jahren 1886-88. Es war die repräsentative Bühne der deutschsprachigen Prager Bürger und trug zunächst den Namen Neues Deutsches Theater. Ende der 30. Jahre des 20. Jahrhunderts fanden hier viele deutsche Künstler Zuflucht, die aus Hitlerdeutschland in die Tschechoslowakei geflüchtet waren. Heute ist die Prager Staatsoper die führende Prager Opernbühne.

Das Nationalmuseum- eine Dominante des Wenzelsplatzes

Das Museum wurde im Jahr 1818  gegründet. Vor dem Bau des neuen Museumsgebäudes hatte das Museum seinen provisorischen Sitz im Palais Sternberg (1821-1846) und im Nostitz-Palais (1846-1892). Das Neorenaissancegebäude des Nationalmuseums entstand nach Plänen des Architekten Josef Schulz in den Jahren 1885-90 am oberen Ende des Wenzelsplatzes. Das Museum wurde nicht nur ein würdiger Sitz der historischen und naturwissenschaftlichen Sammlungen dieser Institution. Unter der monumentalen Kuppel in der Zentralachse des Gebäudes befindet sich das Pantheon, in dem Statuen der wichtigsten Vertreter der tschechischen Geschichte, Politik und Kultur stehen. Zur Zeit ist es wegen Renovierungsarbeiten komplett gesperrt (Stand Mai 2012).

 Kirche St. Maria Schnee (Kostel Panny Marie Sněžné

 Unmittelbar in der Nähe des von Karl gegründeten Wenzelplatzes liegt die Kirche Maria Schnee aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Karl ließ sie für den Orden der Karmeliter zum Andenken an seine Königskrönung errichten. Die als dreischiffige Basilika geplante Kirche sollte nach dem Veitsdom die höchste und größte Kirche Prags werden. Die Bauarbeiten wurden jedoch durch die Hussitenkriege unterbrochen, und bis zum 14. Jahrhundert konnte lediglich der hohe Chor fertig gestellt werden. Dennoch erreicht seine Kuppel eine Höhe von 34 Metern und macht diese Kirche damit zur höchsten Kirche Prags.

Das gotische Typanon über dem Portal des einstigen Klosterfriedhofes an der Kirche zeigt in beiden Ecken Karl IV. als mährischen Markgrafen (rechts) und seines Vaters Johann von Luxemburg als böhmischen König (links) ; in der Mitte die Krönung Mariens.

Hier wirkte im 15. Jahrhundert Jan Zevelisky, einer der Urheber der hussitischen Revolution. Ende des 16. Jahrhunderts verfiel die Kirche zunehmend. Der Franziskanerorden ließ sie neu erbauen. Das reich verzierte gotische Portal an der Nordseite enthält die Krönungszeremonie Karl IV. Der Hochaltar von 1625 zählt zu den größten in Prag. In der Kirche ist Oberst Walter Butler beigesetzt, der die Ermordung Wallensteins in Eger anführte. Rilke, Lilienchron, Kafka und viele bedeutende Dichter setzen der Kirche literarische Denkmäler.

 Der Karlsplatz Karlovo náměstí

Mit einer Fläche von über 8 Hektar.der größte Platz Europas, größer als der Place de la Concorde in Paris. Jährliche fand unter Karl IV, eine Zurschaustellung der heiliger Reliquien und der Krönungsjuwelen statt. Termin war  jeder zweite Freitag nach Ostern . Das Neustädter Rathaus war von 1338 bis 1784 Sitz der Verwaltung, heute dient es mehr repräsentativen Aufgaben. In er Gründungsurkunde hatte Karl bestimmt, dass "der Neustadt" auf ewig alle Vorteile und Rechte zustanden, daher benötigte die Stadt ein eigenes Rathaus. Wie es in der Urform aussah, ist nicht festgehalten. Die großen Umbauten zusammen mit einer Erweiterung erfolgten im 15. und 16. Jahrhundert. Das zweiflügelige Gebäude mit dem markanten Eckturm beherbergt im Inneren einen Gotischen Saal. Der Eckturm war Ausgangspunkt des ersten Prager Fenstersturzes, ausgehend vom erwähnten Prediger der Maria Schnee Kirche. 1419 warfen radikale Hussiten zwei Ratsherren aus dem Fenster. Aus diesem Vorfall entwickelten sich die Hussitenkriege.

 

Die Pfarrkirche der oberen Neustadt war die Stephanskirche (Kostel sv. Štepána ). Gegründet wurde die dreischiffige ursprünglich gotische Kirche 1351 durch Karl IV. . In der Kirche heiratete Smetana seine aus Pilsen stammende Frau, auch Antonin Dvorak und der Komponist Josef Suk vermählten sich in der Kirche. Beendet wurde der Bau der Kirche durch Wenzel IV.

 

Aus Karls Zeiten stammt auch der heute noch existente Garten des ehemaligen Klosters des weiblichen Zweigs der Augustiner Emeriten bei der St. Katharinakirche. 1355 erbaute sie Karl zu Ehren seiner Lieblingsheiligen und Patronin von Alexandrien. Die Heilige rettete ihm seiner festen Überzeugung nach zweimal das Leben in Italien. In seinem Auftrag verfasste ein blinder Kaplan ein gewaltiges literarisches Werk religiöser Poesie, die alttschechische Katharinenlegende mit 4000 Versen. In der Zeit der Hussitenkriege verfiel die Kirche. Heute befindet sich an der Stelle die Glyptothek des Prager Museums. Die jetzige Kirche stammt aus der Zeit um 1737 und ist ein Werk von Kilian Ignaz Dietzenhofer, nur der Turm ist noch gotisch. Eine weitere Kirche der Luxemburger Epoche ist die Apollinariuskirche, gegründet als Kapitelkirche, im Inneren mit gotischen Wandmalereien versehen. Beachtenswert das Bild der Karlover Maria, der Patronin schwangerer Frauen (1697).

 

St.-Ignaz-Kirche am Karlsplatz

Die dem Hl. Ignatius von Loyola geweihte Kirche auf dem Karlsplatz war früher die Jesuitenkirche der Prager Neustadt. Der frühbarocke Saalbau mit Seitenkapellen aus den Jahren 1658 bis 1670 wurde vom Baumeister Carlo Lurago erbaut. Die Inneneinrichtung ist im Stile des Barock und des Rokoko gehalten. Die Hauptfassade der Kirche wird gekrönt von der Statue des hl. Ignatius von Loyola im Strahlenkranz aus dem Jahr 1671.

 

Kirche am Karlov

Als Verehrer seines Namenspatrons Karl des Großen gründete der König 1350 die Kirche am Karlov und das Kloster der Augustiner. Beide liegen am höchsten Punkt der Prager Neustadt. Der Abtei unterstand das Kloster Ingelheim am Rhein, das 1354 von Prag aus nach dem Willen von Karl gegründet wurde. Zu Ende gebaut wurde es als sternförmiges Gebäude mit einem 24 Meter durchmessenden Rippengewölbe erst 1575. Es soll ein Abbild des Aachener Doms sein, Karl fühlte sich als Erneuerer des Kaiserreiches Karl des Großen. Die Augustiner wurden ganz bewusst ausgewählt, Karl hatte die Lehre Augustinus studiert und sah darin eine Art neuer Religiosität. Karlov ist eine Dominante in der Prager Neustadt und bildet mit der alten Burg und dem Hradschin eine Art Dreieck, mit einer Karl sehr eigenen, aber stets bewussten und gezielten Symbolik. Das Kloster fiel 1785 der Säkularisation zum Opfer.

Für das Kloster der Servieten ließ Karl auf dem Weg zum Vyšehrad die Marienkirche Na slupi erbauen ( Sloup, die Säule, na slupi „auf der Säule“). Heute befindet sich in dem Areal eine Nervenheilanstalt der Uniklinik. Hier verbrachte der berühmte Komponist Smetana seine letzten Tage, eine Gedenktafel im Sterbezimmer erinnert daran.

 

Emmauskloster

Auf dem Gelände der tschechischen Akademie der Wissenschaften stand das Kloster Na Slovanech, 1347 durch Karl IV. gegründet und eingeweiht am Ostermontag des Jahres 1347. Da an diesem Tage der Emmausjünger gedacht wird, erhielt es die Bezeichnung Emmauskloster. Untergebracht waren hier zunächst kroatische Mönche, später der Orden der slawischen Benediktiner, die hier die Messe in der slawischen Liturgie feierten, was in Rom nicht so gern gesehen, aber von Karl IV. diplomatisch verteidigt wurde. Er beabsichtigte hier ein Zentrum für die slawische Sprache und die Historie seines Landes aufzubauen.  Gleichzeitig wollte mit dieser Initiative Karl IV. die Spaltung zwischen der West- und Ostkirche beseitigen. Das im Jahr 1372 fertiggestellte Kloster mit der neuen Kirche wird zu Recht als Perle der gotischen Baukunst bezeichnet.

1419 bis 1598 eignete sich der radikale hussitische Flügel der Kalixtiner das Kloster an. Im Rahmen der Rekatholisierung  wurde es dem Brevnov Kloster übereignet. Unter deren Wirken fand eine gründliche Barockisierung des Klosters und des Doms statt. Das hohe Satteldach der Kirche wurde entfernt und zwei Zwiebeltürme an der Hauptfassade errichtet. Vom 17. bis 19. Jahrhundert folgten die spanischen Benediktiner vom Kloster Montserrat , ab 1880 übernahm der Beuroner Orden das Kloster.

Die Kirche, eine der bedeutendsten gotischen Bauten Prags wurde 1945 durch die Bombe eines englischen Fliegers, der glaubte über Dresden zu sein, stark zerstört. Der modern gestaltete Neubau des Turms, 1967 errichtet,  ist nicht unumstritten. Der letzte Abt des Klosters wurde 1942 ins KZ Dachau verschleppt, wo er am 10. September verstarb.

 

Foto: Die Wände des Ambits tragen ausgezeichnete Wandmalereien böhmischer Maler aus der Zeit um 1360. Das Innere der  Klosterkirche St. Emmaus.

Kirche St.-Johannes auf dem Felsen (Kostel sv. Jana Na skalce)

Vis a vis des Emmausklosters steht die Kirche des hl. Johannes von Nepomuk auf dem Felsen ist ein hochbarocker Zentralbau, der in den Jahren 1730-39 nach Plänen des Architekten Kilian Ignaz Dientzenhofer erbaut wurde. Auf dem Hauptaltar befindet sich eine barocke Holzplastik des hl. Johannes von Nepomuk aus dem Jahr 1682, die von Johannes Brokoff stammt. Es handelt sich um das Holzmodell der Statue dieses Heiligen, die sich auf der Karlsbrücke befindet.

 Das tanzende Haus

Das Bürogebäude am Moldauufer wurde im Jahr 1996 als erstes ambitioniertes Bauwerk nach der Samtenen Revolution von 1989 fertig gestellt. Seine kühne architektonische Konzeption, zumindest was den historischen Kontext Prags betrifft, ist das Werk der Zusammenarbeit der Architekten Frank O. Gehry und Vlado Milunič. Seinen metaphorischen Namen erhielt das Haus dank der beiden Türme, die an das Tanzpaar Ginger Rogers und Fred Astair erinnern. Der Tänzer wird durch den steinernen Turm, seine Tanzpartnerin durch den gläsernen Turm dargestellt. Das Gebäude erhielt 1996 die begehrte Auszeichnung der US-Zeitschrift Time in der Kategorie Design des Jahres.

Das Nationaltheater (Národní divadlo)

In der modernen Geschichte des tschechischen Volkes ist das Neorenaissancegebäude des Nationaltheaters von außerordentlicher symbolischer Bedeutung. Der Bau des Nationaltheaters sollte die erneuerte Kraft des tschechischen Volkes inmitten der Habsburger Monarchie demonstrieren. Der Grundstein des Theaters wurde bereits im Jahr 1868 feierlich gelegt, behördliche und finanzielle Hindernisse hielten die Eröffnung des Theaters jedoch volle dreizehn Jahre auf. Ein Teil der Baukosten wurde sogar durch eine Spendenaktion aufgebracht, die unter dem Motto "Das Volk sich selbst" lief. Weniger betont wird, dass ein bedeutender finanzieller Beitrag für den Bau des Theaters vom Kaiser.

selbst aufgebracht wurde. Architekt des Theaters war Josef Zítek, die anspruchsvollen Verzierungen stammte von der jungen Generation tschechischer bildender Künstler, unter denen erstmals auch der Stern des Malers Mikoláš Aleš leuchtete.
Das Nationaltheater wurde am 11. Juni 1881 mit der Premiere der eigens für dieses Ereignis von Bedřich Smetana komponierten Oper Libuše feierlich eröffnet. Kurz darauf, am 12. August 1881, kam es durch Fahrlässigkeit der Baufirma bei der Fertigstellung des Kupferdachs zu einem tragischen Brand. Obwohl das Feuer einen großen Teil des Gebäudes und der Innenausstattung zerstört hatte, wurde das Theater bereits 1883 wiedereröffnet.