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Geballt und entspannt - "Faust" am Erasmus-Gymnasium

EG-Theatergruppe zeigte heiter-ernsthafte Auseinandersetzung mit Klassiker


Fotos von der Aufführung Amberg. Ein Rätsel gab Oberstudienrätin Uta Löw den Leserinnen und Lesern des Schultheaterprogramms auf - denn was man sich nun genau unter "F****!" vorzustellen habe, war zunächst nicht recht klar. Präziser wurde es dann schon in der Zeitungsvorankündigung. Also "Faust" war der Name, den die Leiterin der Schultheatergruppe des Erasmus-Gymnasiums und ihre Truppe einerseits nicht auszusprechen wagten - aus Respekt vor dem schon von Germanisten-Generationen über alle sieben Meere hinweg interpretierten Drama, das manchen gar als Beleg dafür gilt, dass Deutschland das Land der Dichter und Denker sei. Andererseits wollten sie den Namen auch gar nicht aussprechen, denn schließlich geht es in Goethes Stück nicht (nur) um ein unvergleichliches Einzelschicksal. Vielmehr packten die Spielerinnen und Spieler das Stück bei seinem handfesten Kern und stellten die traurige Liebesgeschichte zwischen Faust und Gretchen in den Mittelpunkt.

Prolog und Gelehrtentragödie wurden davor flotten Schritts abgehandelt, beschränkt auf einprägsame Bilder und diejenigen Passagen, die zur poetischen Grundausstattung des Bildungsbürgertums gehören: "Habe nun, ach!" und "Vom Eise befreit" - wer es tatsächlich nicht mitsprechen konnte, war zweifelsohne ein bisschen verloren in diesem Spiel mit Textbruchstücken und Anspielungen. Wer seinen "Faust" allerdings gelesen hatte, konnte sich freuen, beispielsweise an der Express-Variante der Studierzimmer-Szene, in der sich Faust im Original wegen seiner Verzweiflung über die eigene Unwissenheit und Unvollkommenheit das Leben nehmen will. Der EG-Truppe genügte für Faust statt mehrerer Seiten Text ein Reagenzglas, das mit dem (unsichtbaren) tödlichen Gift gefüllt, halb zum Mund geführt, die Situation andeutete - wortlos verharrten die beiden Fäuste (zwei Seelen, ach!) in dieser Pose, bis zwei Ministrantinnen mit einem Osterhymnus ihn in den Zirkel der Lebenswilligen zurückholten. So respektlos und clever ging es "vom Himmel durch die Welt zur Hölle".

In einer schlüssigen Ensembleleistung präsentierten die Schülerinnen und Schüler der 10. bis 13. Jahrgangsstufe ihre aufs (für sie) Wesentliche reduzierte Fassung von "Faust"; in wechselnden Rollen spielten: Agnes Birner, Benedikt Etzold, Maximilian Fritsch, Lydia Klarner, Johanna Köllinger, Monika Müller, Maximilian Peter, Verena Saurenbach, Uli Schneider, Melanie Spieß und Christoph Tresch. Dabei wurde bald klar, dass die Abwandlung des Titels nicht nur heißt, dass hier einiges fehlt - sondern durch Verdichtung und Kombination wurde gleichzeitig auch mehr geboten. Beispielsweise gelang die Szene "Wald und Höhle" besonders eindringlich: Faust freut sich daran, in der freien Natur frische Kraft schöpfen zu können, doch Mephisto will ihn zu neuen Abenteuern anstacheln; in ihrer Stube, aber auf der Vorbühne sichtbar - ein sehr guter Regieeinfall - sitzt Gretchen am Spinnrad und zeigt, wie unglücklich sie ist über den Verlauf ihrer Affäre mit dem weitgereisten Wissenschaftler ("Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer ").

Wenn Gretchen dann am Schluss gerichtet/gerettet ist, hat man etwas scheinbar Unmögliches gesehen: Eine heiter-ernsthafte Auseinandersetzung mit einem klassischen Drama. Applaus!

Peter Ringeisen



Amberger Zeitung am 10. April 2006