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“Zukunft des Lernens”: Diagnose und Therapie

Die 6. Woche des OpenCourse “Zukunft des Lernens” (Veranstalter: Dr. Jochen Robes et al.) hatte das Thema “Wo wir heute stehen. Nutzungs- und Lernszenarien”.
Als Referent für den live gestreamten Vortrag der Woche war Prof. Dr. Rolf Schulmeister (Universität Hamburg) vor der Webcam. Schulmeister war auch in den Leseempfehlungen zu diesem Thema schon gut vertreten (vier von neun Titeln), u. a. mit dem Text “Gibt es eine Net Generation?” (PDF) Erweiterte Version 3/Hamburg Dezember 2009). Die Aufzeichnung seines Vortrags (rund 60 Min.) ist online verfügbar.
Da ich zum Live-Termin (Mittwoch, 17-18 Uhr) keine Zeit hatte, habe ich mir die Aufzeichnung des Vortrags zu Gemüte geführt – und musste enttäuscht feststellen, dass es Schulmeister offenbar um nichts weiter ging, als erneut den “Mythos” von der gewieften, in allen Anwendungen und Möglichkeiten des Web2.0 beschlagenen Generation der “Digital Natives” zu zerstören.
In einem “long tweet” habe ich das so zusammengefasst:

.@VolkmarLa Der “Widerspruch”, um den es hier geht (#schulmeister im #opco11 Livestream) resultiert (bei mir und einigen anderen Mitdiskutanten) aus der Enttäuschung über die Reaktion des Referenten. Das OpenCourse-Thema lautet “Zukunft des Lernens”. Schulmeisters Resümee (nach ca. 63 Minuten): “Unser System ist doch bankrott” (das bezieht sich in diesem Kontext zwar speziell auf das Lernverhalten von Studenten vor Prüfungen, ist aber nach meinem Eindruck durchaus auf seine Meinung über weitere Bereiche der Bildungslandschaft übertragbar). Ich kann keine Vision erkennen, die mit der “Zukunft des Lernens” zu tun hätte. – Ich schätze die Erfahrung und die Reputation von Prof. Schulmeister durchaus hoch. Umso betrüblicher erscheint es mir, dass er beinahe ausschließlich darauf abzielt, die Nichtexistenz einer “Net Generation” zu beweisen. – Geschenkt, Herr Schulmeister! Dass die heutigen Jugendlichen sich nicht wie die Fische im Wasser im Internet bewegen und genau das suchen und finden, was sie auf ihrer Entwicklung als Person im Allgemeinen und als Lernende im Besonderen fördert und zu neuen Erkenntnissen führt, das weiß ich aus der täglichen Erfahrung in einem bayerischen Gymnasium selbst, dazu brauche ich keine dann und dort veröffentlichten empirischen Studien aus Amerika. Was ich von einem Hochschullehrer zum Thema “Zukunft des Lernens” hören will, ist, wie wir es anstellen, dass das Internet der Bildung besser nutzbar gemacht wird. – Vielleicht ist das eine falsche Erwartung, weil Schulmeister evtl. mehr Empiriker als Didaktiker ist, dazu kenne ich seine Arbeiten zu wenig. Aber daher rührt die Enttäuschung – aus dem Widerspruch zwischen “Zukunft des Lernens” und dem Motto “Bleibt von der Kiste weg!” – Es ist nicht damit getan zu beklagen, die Jugendlichen beherrschten nur mehr “F-shaped scanning” und könnten nicht mehr lesen. Es geht darum, Aufgabenstellungen zu formulieren, die zum genauen Lesen zwingen, und andere Aufgabenstellungen, für die genau “F-shaped scanning” die richtige Bearbeitungsmethode ist. Wir wollten Konstruktives hören, nicht Destruktives. – Danke für die Aufmerksamkeit.

Prof. Dr. Volkmar Langer (Hochschule Weserbergland) hat diesen Text in seinem Blog aufgegriffen und in Dialogform seine (weitgehend zustimmende) Sicht der Dinge eingefügt: Wo wir heute stehen – nicht jammern, sondern weiterdenken. – Vielen Dank für die Auseinandersetzung mit meinem Text!

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass es im Wesentlichen an drei Dingen mangelt:

  1. An einer Web-Didaktik, die nicht nur die Versiertheit im Benutzen der diversen inhaltlichen und methodischen Qualitäten des Web2.0 umfasst, sondern die vermittelten Kompetenzen sinnvoll für die Erarbeitung und Erschließung der Lehrplaninhalte integriert;
  2. an der technischen Ausstattung, die dafür nötig wäre;
  3. am Interesse und an der nötigen Web-Kompetenz der überwiegenden Mehrheit der Lehrkräfte.

In dieser Reihenfolge (und überlappend) ist diese Situation auch anzugehen, meiner Meinung nach. Und es hat keinen Sinn, darauf zu warten, dass die Schüler sich das alles selbst erschließen, weil es so faszinierend ist. Mich verwundert immer wieder die Heranziehung des “Hole in the Wall”-Experiments von Prof. Dr. Sugata Mitra (Newcastle University) – das Setting dieses Experiments ist in keiner Weise mit dem zu vergleichen, was wir in unseren Schulen vorfinden. Die technischen Geräte, die den Kindern in einem Slum in Delhi zur Verfügung gestellt wurden, eröffnen diesen Kindern eine völlig neue Welt – während die Kinder in unseren Schulen überzeugt sind, diese Welt schon zu kennen, wenn sie einen Account bei Facebook haben, YouTube benutzen und bei Wikipedia nachschlagen. Ich habe diese Generation an anderer Stelle auch schon (noch ein Label!) als FaYoWi-Generation bezeichnet, nach den drei Websites benannt, die für die heutigen Kinder und Jugendlichen in Europa die Vielfalt des Internet erschöpfend zu beschreiben scheinen. Damit sind sie ausgelastet – und natürlich ist nicht alles sinnvoll, womit sie sich dort beschäftigen. Aber angesichts der Lage die Hände in den Schoß zu legen und zu sagen: “Die ‘digital natives’ gibt es nicht”, scheint mir eine zu resignative Reaktion zu sein.
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Ergänzung:
Was mir sehr gut gefallen hat, war der Erfahrungsaustausch auf dem von @_Rya_ eingerichteten Etherpad im Vorfeld. Im Moment steht eine Mitschrift zum Livestream-Vortrag am Anfang. Das, was ich meine, beginnt mit einem langen gelb hinterlegten Textblock. Vielen Dank an @anjalorenz und @lisarosa fürs Mitdiskutieren!

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