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“Ein Mensch muss noch d. +++ vo+ ++d+”

“Hei, was ein Abend.”

Tja. Oder auch: Hei, was eine Textausgabe. – Da will ich wieder einmal “Woyzeck” mit einem Grundkurs Deutsch lesen. Nun ist es ja wohlbekannt, dass Georg Büchner in einem Alter verstarb, in dem heutzutage die Studenten gerade mal dran denken, sich auf die Zwischenprüfung vorzubereiten. Dieser traurige Umstand hatte zur Folge, dass er mit “Woyzeck” nicht fertig wurde, es blieb unvollendet, ein Fragment – oder besser: mehrere Gruppen von Fragmenten.
Wir entscheiden uns – gelb, klein, gut – für die preisgünstige Reclam-Ausgabe. Wir wollen’s nicht zu kompliziert haben, schließlich ist es ein Grundkurs, kein Leistungskurs, also nehmen wir nicht die “Studienausgabe” zu €4.60, zu der es (bei Reclam) heißt, sie gebe den Text der vier Entwurfshandschriften “auf drei Stufen [wieder]: 1. als ‘Lese- und Bühnenfassung’, 2. als ‘emendierten’ Text in der dem dokumentierten Willen des Verfassers möglichst entsprechenden Gestalt mit zusätzlicher Verzeichnung der Textstellen, die Büchner von einer Entwurfsstufe zur nächsten übernahm; und 3. als typographisch ‘differenzierten’ Text, der über den Zustand der Handschrift und über Schwierigkeiten und gravierende Unsicherheiten bei der Entzifferung des Dramentextes informiert.”

Gut, also so genau wollen wir’s gar nicht wissen, wir nehmen also die noch preisgünstigere Ausgabe zu €2.00, der Titel dieses Reclamhefts klingt vertraut, denn es enthält auch gleich noch “Leonce und Lena”, das ist aber fein – das hatte man ja selber schon in der Schule gehabt. Meint man.
Ich hätte mir den Infotext dazu kritischer durchlesen sollen. Da heißt es: “Das Erscheinen der lang erwarteten Studienausgabe von Büchners Leonce und Lena mit dem historisch-kritischen Text im Jahr 2003 ermöglicht nun auch endlich, die bewährte Doppelausgabe für die Schule von Woyzeck und Leonce und Lena auf die solide Textgrundlage zu stellen. Wir bieten damit die beiden in der Schule viel gelesenen Werke orthographisch behutsam modernisiert, in moderat angewandter neuer Rechtschreibung, mit jeweils dem Text des fragmentarisch überlieferten Woyzeck und des mehrfach zensierten Leonce und Lena, der dem Stand der neueren Büchnerforschung entspricht” (bei Reclam, Hervorhebung von mir).

Auf die Formulierung “bewährte Doppelausgabe für die Schule” hätte ich mich nicht verlassen sollen – stattdessen hätte mein Auge voll Misstrauen auf den “Stand der neueren Büchnerforschung” fallen sollen.

Dass die mir vertraute Reihenfolge der Szenen umgestellt wurde, damit könnte ich mich ja noch anfreunden. In meiner Jugend (und auch im Studium) hat Woyzeck immer mit der Szene angefangen, in der Woyzeck seinen Hauptmann rasiert. In der *neuen* “bewährten Doppelausgabe” steht das Steckenschneiden mit Andres an erster Stelle. Na gut. Meinetwegen, das gibt auch einen Sinn.

Worüber ich aber nur noch den Kopf schütteln kann, das sind die Stellen wie die in der Ãœberschrift zitierte – gesprochen (oder eben gestottert) von Woyzeck in der Szene “Lichter. Buden. Volk”. Wenn man ganz vorn im Buch nachsieht, stellt man fest, dass die Pluszeichen für “unleserlichen Text” stehen. Na großartig!
Andere Stelle: Woyzeck stellt Marie voller Eifersucht zur Rede, er fragt sie, wie ihre Treffen mit ihrem Liebhaber, mit dem sie ihn betrügt, denn ablaufen: “Hat er da gestanden, so, so?” – Marie schaltet auf stur und gibt später bockig zurück: “Man kann viel sehen, wenn man zwei Augen hat und man nicht blind ist und die Sonne scheint.” Und was antwortet Woyzeck darauf? Was? – Er sagt: “Mi+t s++ A++” – Man glaubt es kaum, man reibt sich die Augen, sieht nochmal hin, aber wirklich, das sagt er: “Mi+t s++ A++”.

Es ist doch nicht zu fassen. Kann mir irgendjemand verraten, worin der Fortschritt bei dieser Textfassung bestehen soll? Dass dieses Drama als Fragment, meinetwegen in vier “Entwurfshandschriften” überliefert ist und nicht von Büchner auf vergessene i-Tüpfelchen und besonders kecke Kommasetzung noch einmal durchgesehen wurde, das kann ich meinen Grundkurs-Schülerinnen in wenigen Minuten vermitteln, wirklich. Dass ich den Beweis dafür aber in zerstörten Dialogen alle paar Seiten im Text finden muss, finde ich dann doch ein bisschen übertrieben.

Und ein Letztes. Eines der einprägsamsten Zitate, das sich jeder aus dem Unterricht über Woyzeck gemerkt hat, lautet: “Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht” (alte Ausgabe: S. 18, Szene “In Mariens Kammer”). – In der neuen Ausgabe fehlt das völlig.
Es schwindelt einem.

Der Ordnung halber:

  • Die alte Ausgabe: Georg Büchner, Woyzeck/Leonce und Lena, hg. Otto C. A. zur Nedden (Stuttgart: Reclam, 1987) [UB 7733].
  • Die neue Ausgabe: Georg Büchner, Woyzeck/Leonce und Lena, hg. Burghard Dedner (Stuttgart: Reclam, 2005) [UB 18420].
  • Die Studienausgabe: Georg Büchner, Woyzeck: Studienausgabe, hg. Burghard Dedner (Stuttgart: Reclam, 1999) [UB 18007].
  • Und dann gab’s da noch die alte “Studienausgabe”: Georg Büchner, Woyzeck: Kritische Lese- und Arbeitsausgabe, hg. Lothar Bornscheuer (Stuttgart: Reclam, 1972, repr. 1987) [UB 9347].

Kann jemand vielleicht eine wahre, gute und schöne Textausgabe empfehlen?

2 comments to “Ein Mensch muss noch d. +++ vo+ ++d+”

  • Mein Bornscheuer ist tatsächlich noch der von 1972 (1987 hatte ich längst mein Abitur), aber der war gut – wenn das hilft?!

  • Kristin

    Ich denke, dass Sie hier von unsrer vorvorletzten (oder war’s die vorvorvorletzte) Lektüre reden.
    Ich muss Ihnen jetzt leider zustimmen, das war schon etwas eigenartig mit den vielen +++ für den “unleserlichen Text”. Vor allem beim Vorlesen des Textes traf man unweigerlich auf sogenannte “durch zu viel +++-Gebrauch ausgelöste” Probleme, was dem ganzen Vortrag das Dramatische, Tragische nahm.
    Nun kommt allerdings die Frage auf, wie denn der liebe Herr Büchner geschrieben haben mag, wenn man die Schrift, bzw. den Text nicht lesen kann.
    Oder wurde das Manuskript verschmutzt oder anderweitig zerstört?
    Und zu Ihrer Trauer bezüglich des fragmentartigen Textes und den darausfolgenden, mannigfaltigen Möglichkeiten der Textgliederung oder Interpretation: Ich behaupte hiermit im Namen aller Schüler (oder wenigstens aller Schülerinnen des Deutsch-GKs), dass ein armer kleiner Schüler den fehlenden Fragmenten keine Träne nachweint, sondern „Woyzeck“ dadurch nur noch attraktiver erscheint, da er, z.B. in der neckischen Reclam-Ausgabe, somit auf ein Volumen von exakt 38 Seiten zusammenschrumpft und deshalb zu den „schlanksten“ Lektüren zählt.
    Insgesamt besehen habe ich allerdings den Woyzeck schon als interessant zu lesen gefunden und da wir die Verfilmung mit Kinski in der Rolle des Woyzeck angeschaut haben, bei der die +++ effektiv mit Sprache gefüllt wurden, haben wir eigentlich auch nichts verpasst.