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Enumeratio splendida

“In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre bin ich, teilweise zu Studienzwecken, teilweise aus anderen, mir selber nicht recht erfindlichen Gründen, von England aus wiederholt nach Belgien gefahren, manchmal bloß für ein, zwei Tage, manchmal für mehrere Wochen.”

Na? Erkannt?

“Die wirklich großen Schriftsteller, heißt es, erkennt man bereits an einem einzigen Satz. Bei W.G. Sebald ist das ohne Zweifel der Fall.”
Oliver Pfohlmann, Saarbrücker Zeitung, 08.05.03 (Deutsche Autoren bei Hanser: W. G. Sebald)

W. G. Sebald: Austerlitz (SZ-Ausgabe)Nun, jedenfalls war der zu Anfang zitierte Satz der erste in dem einem der zwei Bücher, die ich in den letzten Tagen gelesen habe: Austerlitz von Winfried G. Sebald.
Und ich muss sagen, nachdem ich vor einiger Zeit bereits Die Ringe des Saturn vom selben Autor gelesen hatte (danke für den Literaturtipp, Harald!), fühlte ich mich nach diesem ersten Satz schon gleich wieder wie zu Hause. Der Stil Sebalds wird ja in den meisten Rezensionen gelobt; Thomas Steinfeld nennt Sebald einen “Meister des Periodenbaus” (FAZ), Andrea Köhler würdigt die “bis ins kleinste Detail verwobene Syntax” (NZZ). Der Perlentaucher berichtet, Jörg Drews stelle in seiner Rezension für die SZ die Frage, “ob die ‘betont umsichtige’, ‘fast dröge und zugleich leicht feierliche’ Sprache des Buches die Gefahr [berge], zur ‘Manier’ zu werden, [beeile sich aber] sogleich, dies heftig zu verneinen” (Perlentaucher-Sammlung von Rezensionen).
Was mir aber beim Lesen vor allem auffiel, ist die erstaunliche Bedeutung, die Sebald dem doch eigentlich schlichten Stilmittel der Aufzählung zu verleihen vermag. Es gelingt ihm, allein durch listenartige Aneinanderreihung von einzelnen Eigenschaften oder Bestandteilen, dem Leser ein intensives Bild zu suggerieren. Der Höhepunkt dieser Technik ist zweifellos bei dem Abschnitt erreicht, in dem der Erzähler berichtet, wie seine Hauptfigur Austerlitz das heutige Theresienstadt besichtigt: In einem einzigen Satz, der über mehr als neun Seiten läuft, erfährt man mehr über diesen Ort, als manches Geschichtsbuch vermitteln kann (in der SZ-Ausgabe S. 335 bis 345).

Wer sich für den Inhalt des Romans interessiert, der kann sich diese Besprechung von Wolfram Schütte zu Gemüte führen: “Ein Kaspar Hauser des Holocaust” (im Online-Magazin TITEL). Besser noch wäre es natürlich, gar nichts vorher zu lesen, sondern gleich das Buch.

Noch ein Link-Tipp hinterdrein: Christian Wirth hat eine beachtenswerte Homepage zu W. G. Sebalds Leben und Werk eingerichtet – wgsebald.de.

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