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Aikido in Amberg

Interview mit Jacques Bonemaison

(für Interessierte gibt es auch den französischen Originaltext

Es lohnt immer, sich in seiner Praxis wie in seinerm Unterricht wieder in Frage zu stellen, aber es ist weder sehr bequem noch sehr verbreitet. Es ist dennoch das was die FFAB gerade verwirklicht indem sie von ihren ATN (animateur technique national) verlangt, "nationale Lehrbeauftragte" zu sein. Wir hatten ein Treffen mit einem von ihnen, Jacques Bonemaison, 6. Dan, außerdem mitverantwortlich für die weitere Ausbildung von Lehrern, um seine Auffassung von der Weitergabe des Aikido herauszufinden. 

 

Lehren heißt üben

Wie stellen Sie sich in Bezug auf die Übung? 

Wir stehen vor einem großartigen Paradoxon: die Lehre ist integraler Teil der Übung des Aikido. Tatsächlich fordert und entwickelt das Unterrichten die Qualitäten, die genau die eines "guten Aikidoka" sind: 

  • Die Weitergabe geschieht weit mehr durch das was vom Lehrer ausstrahlt als durch die Erklärungen, die er geben kann. Das drängt ihn ganz natürlich dazu, in sich ein gutes Shisei zu entwickeln, jede der Bewegungen zu verfeinern, die er zeigt. 
  • Es ist außerdem seine Sache, ein richtiges und klares Verständnis des Aikido zu haben. Unter dieser Bedingung kann er seine Schüler ohne Irrtümer führen. 
  • Darüber hinaus entwickelt die Tatsache, auf die Schüler achten zu müssen, den Sinn für Beobachtung. So kann der Lehrer die Übenden insbesondere ohne Gefahr von Verletzungen führen, ohne sie abzustoßen, er kann den Moment wählen, der Harmonie schafft, die Lust auf's Üben erzeugt, und in der der Schüler das Gefühl hat, neue Nahrung zu finden. 
  • Wer unterrichtet kann nicht anders als sich den Übenden zu öffnen. Schon haben wir ein Mittel, sein Ego zu überschreiten! Man merkt, dass die Falle des "großen Kopfes" oft tödlich für den Lehrenden ist... Vielleicht ist es in diesem Sinne dass Tamura Sensei uns versicherte: Nur der kann wahrhaft das Aikido weitergeben, der sein Ego tranzendiert hat". 
Lehren heißt einen einzigen Körper mit den Schülern zu bilden. Das ist eine grundlegende Vorstellung, der der Lehrende nicht ausweichen kann: "gemeinsam fortschreiten". Wenn eine Gruppe Fortschritte macht, die andere aber nicht, entsteht unausweichlich ein Konflikt. Die Geschichte ist leider voll von Beispielen, die dieses Axiom illustrieren. Aikido ist nicht nur "der Weg der Einheit von Geist und Körper", sondern "der Weg der Einheit". 

Wie kommt der Lehrer zu einem richtigen und klaren Verständnis des Aikido? 

Der Doshu selbst hat versichert, dass "es eine Pflicht ist, die Essenz des Aikido korrekt weiterzugeben". Sicherlich reicht es nicht, ein staatliches Diplom zu haben um gut zu unterrichten. Wenn ich beobachte wie gewisse Bewegungen bei Dan-Prüfungen gelebt werden, frage ich mich, ob zum Beispiel das Prinzip Irimi immer wirklich wahrgenommen wird. Trotzdem sagt man, dass "Irimi die Wurzel des Aikido ist". Manchmal hat man den Eindruck, dass Irimi sich darin erschöpft, um jeden Preis eintreten zu wollen gegenüber einer Aggression, gegen die man sich nur schützen will, und ohne aus der Dualität herauszutreten. Und wenn man sich für die tiefe Bedeutung von Irimi interessieren würde? Iri drückt die Idee aus, die Schwelle eines Hauses zu überschreiten, dort selbst hineinzugehen oder dort eingeladen zu sein.
Mi erweckt die Idee des Kindes im Bauch seiner Mutter, und mit einer Vorstellung von Fülle. Wenn man dies durch eine eifrige Übung in sich aufnimmt, wenn man mit diesem Bewußtsein lehrt, müssten unsere Praxis und unsere Wahrnehmung vom Aikido sich dann nicht ändern? Zu antworten mit dem Gefühl, den Gegner zu umschließen, das fordert zuallererst ein festes Herz, welches erlaubt sich selbst zu vergessen. Man kann dann in Aites Herz eindringen und durchdringen im Gedanken durchdrungen zu werden. 

Ist Kokyu gleichermaßen Teil des Herzen des Aikido? 

Die Idee von Kokyu bleibt dem Europäer erst einmal fremd und nach den Reaktionen der Aikidoka auf Lehrgängen zu schließen scheint es, dass der Sinn von Kokyu besser verstanden werden muß. Und doch kann keine Aikido-Technik ohne Kokyu bestehen. Also stellt sich eine Frage: wie erreicht es der Lehrer, Kokyu besser zu begreifen? Welchen Sinn gibt er in seinem Dojo der Arbeit von Kokyu Ho? Nur die Übung kann die Ergebnisse davon spüren lassen. Der Lehrende muss es unabdingbar erforschen und in sich aufnehmen und werden wie ein Künstler, für den sich Kokyu mit seinem Können vermengt. 

Welchen Platz muss man der Arbeit mit den Waffen geben.? 

Der Gründer hat in unserer Disziplin den Waffen einen ganz bestimmten Platz gegeben. Es geht darum ehrlich zu sehen welchen und des Gefühls bewusst zu sein, das die Waffe als ein Werkzeug dem Aikidoka in seiner besonderen Arbeit gibt. In diesem Moment gewinnt der Satz von O Sensei für uns einen Sinn: "Die Waffentechniken erklären sich weder durch Worte noch durch Schrift, sie erhellen sich ohne Rede". 

Haben auch die verschiedenen benutzten Angriffe eine eigene Bedeutung im Aikido? Warum, zum Beispiel, sieht Katatedori (Griff des Handgelenks) nicht wie ein echter Angriff aus? 

Man sollte sich in der Tat fragen: "Warum dieser und jener Angriff im Aikido...". Wenn man weiß, dass der Mensch mit der Hand ein Kunstwerk schafft, dass er ebenfalls mit der Hand streichelt und dass er tötet; es ist wichtig, den Sinn der Arbeit zu verstehen, die man bei Gebrauch dieses Griffes unternimmt. Wenn der Lehrer diesen Ansatz für sich selbst hat, und man seine Schüler betrachtet, hat man nicht mehr das Gefühl, Katatedori sei kein Angriff. 

Welche Rolle spielen die Würgegriffe? 

Auf den Lehrgängen scheinen die Schüler oft verwirrt von Ushiro Waza Katatedori Kubishime. Es handelt sich nicht, auch hier nicht, darum, eine Bewegung auszuführen, um sie auszuführen, sondern vielmehr darum, sich bewusst zu werden, dass es immer einen Weg gibt, herauszukommen, auch wenn er nicht sichtbar ist. Indem man sich widersetzt wird einem sehr schnell klar, dass das Problem nur wächst; indem man ruhig bleibt, wird die Technik einfach. Dieser Angriff erlaubt also den Geisteszustand zu finden, der die Ausführung der Bewegung klar macht. 

Es gibt also eine Vebindung zwischen Geisteszustand und der Ausführung von Bewegungen? 

Tatsächlich glaube ich, dass alles aufeinander folgt: die Bewegungen immer ungezwungener auszuführen erlaubt es, die Positivität zu entwickeln. Man weiß, das es in der Natur keinen Platz für Zögern gibt. Ich habe das Gefühl, das es das ist, was der Mensch heute wiederfinden muss: die positive Seite der Dinge zu sehen. Um beim Beispiel Irimi zu bleiben, man lernt einzutreten ohne den Preis jeder Aktion zu kalkulieren. Dann kann die Übung in Freude ablaufen. 

In Freude üben, ist das wichtig? 

Ich habe das Gefühl, dass, einmal freigelegt (dazu der Platz der Vorbereitung mit ihren besonderen Mitteln zu Beginn der Stunde, und der Sinn von Musubi in der Übung), die Freude von selbst erscheint. Die Freude ist schöpferisch. Es geht natürlich nicht um jene Illusion gewollter Fröhlichkeit zum Vertreiben der Langeweile, sondern um den Enthusiasmus, der wie grundlegend in der Botschaft des Aikido erscheint, und den Tamura Sensei nicht ruht uns einzuflößen. Dieser Enthusiasmus bewirkt, den Sinn für's Teilen natürlich werden zu lassen, ein ebenso grundlegender Punkt in der Botschaft des Aikido. Tamura Sensei sagte letztens, dass der Sinn für's Teilen das ist, was ein menschliches Wesen von den anderen Wesen im Universum unterscheidet. Selbst ein außergewöhnlicher Hund, sagte er, teilt seinen Napf nicht mit dem Hund des Nachbarn. Es ist wichtig, diesen Sinn in Keiko zu gebrauchen anstatt sich Aite direkt zu widersetzen. Das ist die Rolle des Lehrenden, die sich mit der des Übenden vermischt. Wenn Übung nur daraus bestünde, stark zu werden wäre es das Ego, dass sich bestärkt fände; und diese Situation führte nur zu Streitigkeiten... Diesen Sinn für's Teilen zu entwickeln, ihn in den Schülern weiterzuführen, das genau ist der unumgängliche Weg, den ein Aikido-Lehrer nehmen muß. 

Finden Sie nicht, dass da ein etwas moralischer Beigeschmack ist? 

Ich weiß nicht, ob man von Moral sprechen kann, weil sie dem Menschen eigen ist. Es ist klar, dass der "große Kopf", das Ego, die Streitereien, die Konflikte sich stets gegen die Beteiligten wenden. Effektivität ist daher mehr in sich die Haltung zu schaffen, die spontan, wie die tierische Intelligenz, nicht allein die Aggression entfernt, sondern die "Aggressivität schmelzen lässt", ganz so wie die Sonne, die durch ihre bloße Anwesenheit das Eis zum schmelzen bringt. Es scheint einfach dringend heute daran zu erinnern! Vielleicht ist es das, "der Krieger des Friedens". Es ist in jedem Fall eine zusätzliche Forderung, die sich der natürlichen und notwendigen Evolution der Menschheit einprägt, und darum den Menschen betrifft. Und es gehört sich nicht für ihn, sich zu erheben? Es ist eben diese selbe Suche und dieser selbe Durst, den ich bei den Aikidoka feststelle, welches auch immer ihr Land oder ihre Kultur seien. 

Aber der Lehrer, kann er sich allein erheben? 

Ich vergleiche gerne das lehren und üben des Aikido mit einer Bergbesteigung. Kein vernünftiger Mensch wird auf die Idee kommen, eine unbekanntes Gebirge zu ersteigen, ohne einen Führer zu nehmen. Für einen Aikidoka ist dieser Führer der Sensei (Sensei: derjenige welcher vorher geboren wurde, also der die Erfahrung hat). Der Führer zeigt nicht nur auf welche Art man den Hang erklettert, sondern erlaubt siegreich die widersprüchlichen Gefühle durchzustehen, die im Laufe des Aufstiegs erscheinen, bis zu dem Moment, wo der Berg selbst verschwindet und uns allein lässt, und dann entfaltet sich, wie die Sonne aus dem Morgennebel, ein anderer Geisteszustand, den ein Alpinist "das befreiende Abstreifen" nannte, der es erlaubt, um die Worte von O Sensei wiederaufzunehmen, "die Augen des Herzens und die Fenster des Geistes zu öffnen". 

Im Aikido fortschreiten oder einen Berg besteigen also, aber wohin? 

Die höchste Bergkette der Welt heißt Himalaya, was, glaube ich, im Sanskrit bedeutet: "Ort, an dem die Götter weilen". Als Lehrer, was bedeutet für uns der Kamiza (zu Ehren des Gründers aufgestellter Altar)? 

Interview mit Jacques Bonemaison in 'Arts&Sports de Combats', 12/1997
Das Gespräch führte Jean Paoli
Fotos: Jean Paoli
Übersetzung: Jens Rock 

Jaacques Bonemaison ist 6.Dan Aikido und Schüler von Tamura Sensei. Er lebt in Paris und leitet dort zwei Dojos. Außerdem kommt er regelmäßig nach Deutschland um Lehrgänge abzuhalten. 


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